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Antibiotika bei Knorpelpiercing-Infektionen
Infektionen an Knorpelpiercings müssen anders bewertet werden als viele oberflächliche Infektionen an Weichteilgewebe.
Der Grund ist:
Knorpelgewebe besitzt keine eigene direkte Blutversorgung.
Die Versorgung erfolgt über das:
Perichondrium
und angrenzende Gewebestrukturen.
Eine tiefere Infektion kann deshalb die Versorgung des Knorpels beeinträchtigen und zu:
- Perichondritis,
- Chondritis,
- Abszessbildung,
- Knorpelnekrose,
- bleibender Verformung
führen.
Bei einem deutlich entzündeten Knorpelpiercing ist deshalb eine rein lokale Behandlung häufig nicht ausreichend.
Welche Piercings liegen im Knorpelbereich?
Dazu gehören insbesondere:
- Helix,
- Forward Helix,
- Flat,
- Tragus,
- Conch,
- Rook,
- Daith,
- Industrial.
Diese Piercings befinden sich ganz oder teilweise im Bereich des Ohrknorpels.
Warum sind Knorpelinfektionen besonders problematisch?
Knorpel ist biologisch anders aufgebaut als gut durchblutetes Weichteilgewebe.
Wird das:
Perichondrium
entzündet oder durch Eiter beziehungsweise Abszessbildung vom Knorpel abgehoben, kann die Versorgung des Knorpelgewebes beeinträchtigt werden.
Dadurch können Knorpelzellen geschädigt werden.
Im schweren Verlauf kann es zu:
- Nekrose,
- Gewebeverlust,
- dauerhafter Deformierung der Ohrmuschel
kommen.
Eine solche Komplikation sollte möglichst früh erkannt und behandelt werden.
Perichondritis
Eine:
Perichondritis
ist eine Entzündung des Knorpelüberzugs.
Sie kann sich unter anderem äußern durch:
- starke Schmerzen,
- deutliche Rötung,
- Überwärmung,
- ausgeprägte Schwellung,
- Druckempfindlichkeit,
- Eiterbildung.
Bei fortgeschrittenen Verläufen können auftreten:
- Abszess,
- Knorpelnekrose,
- Veränderung der Ohrform.
Mehr dazu:
Chondritis
Eine:
Chondritis
bezeichnet eine Entzündung des Knorpelgewebes selbst.
In der Praxis können Perichondrium und Knorpel gemeinsam betroffen sein.
Eine solche tiefere Infektion gehört nicht mehr in den Bereich normaler Piercingnachsorge.
Besonders wichtiger Erreger: Pseudomonas aeruginosa
Bei Infektionen nach Knorpelpiercings ist:
Pseudomonas aeruginosa
ein besonders wichtiger Erreger.
Pseudomonas ist:
- gramnegativ,
- aerob,
- in feuchten Umgebungen verbreitet,
- gegenüber zahlreichen Antibiotika natürlicherweise wenig empfindlich.
Gerade bei aurikulärer Perichondritis nach Piercings wird Pseudomonas regelmäßig als relevanter Erreger beschrieben.
Siehe:
Nicht jedes Antibiotikum wirkt gegen Pseudomonas
Dieser Punkt ist besonders wichtig.
Viele Antibiotika, die bei typischen Hautinfektionen gegen:
- Staphylokokken,
- Streptokokken
gut wirksam sind, besitzen gegen:
Pseudomonas aeruginosa
keine ausreichende Wirkung.
Deshalb ist ein Antibiotikum nicht automatisch geeignet, nur weil es allgemein gegen bakterielle Hautinfektionen verschrieben wird.
Warum kann eine falsche Antibiotikawahl gefährlich sein?
Wenn bei einer Pseudomonas-Infektion ein Antibiotikum verwendet wird, das den Erreger nicht ausreichend erfasst, kann die Infektion:
- fortbestehen,
- weiter fortschreiten,
- einen Abszess bilden,
- den Knorpel schädigen.
Das kann wertvolle Behandlungszeit kosten.
Lokale Salbe oder systemisches Antibiotikum?
Bei einer oberflächlichen Hautinfektion kann eine lokale Therapie in bestimmten Situationen sinnvoll sein.
Bei einer echten:
- Perichondritis,
- Chondritis,
- tieferen Knorpelinfektion
reicht eine ausschließlich lokale Salben- oder Gelbehandlung jedoch häufig nicht aus.
Hier wird in der medizinischen Behandlung typischerweise eine:
systemische Antibiotikatherapie
eingesetzt.
Diese kann erfolgen:
- oral,
- oder bei schweren Verläufen intravenös.
Warum sind systemische Antibiotika bei Perichondritis wichtig?
Ein systemisch gegebenes Antibiotikum gelangt über den Blutkreislauf in das entzündete Gewebe.
Dadurch können auch tiefer liegende Gewebebereiche erreicht werden, die durch eine äußerlich aufgetragene Salbe nicht zuverlässig behandelt werden.
Gerade bei einer Infektion des:
Perichondriums
ist dies entscheidend.
Wie schnell kann eine Besserung eintreten?
Wenn:
- das richtige Antibiotikum gewählt wurde,
- der Erreger empfindlich ist,
- kein unbehandelter Abszess vorliegt
kann häufig innerhalb weniger Tage eine deutliche klinische Besserung eintreten.
Typische Zeichen sind:
- weniger Schmerzen,
- rückläufige Rötung,
- weniger Schwellung,
- geringere Überwärmung.
Bei unkomplizierten Verläufen liegt die gesamte Behandlungsdauer häufig ungefähr im Bereich von:
1 bis 2 Wochen.
Komplizierte Verläufe können jedoch deutlich länger dauern.
Nicht nach wenigen Tagen eigenmächtig absetzen
Auch wenn sich ein Knorpelpiercing nach einigen Tagen deutlich verbessert, sollte ein verordnetes Antibiotikum nicht eigenmächtig beendet werden.
Die Therapiedauer richtet sich unter anderem nach:
- Erreger,
- Schweregrad,
- klinischem Verlauf,
- gewähltem Antibiotikum,
- möglichen Komplikationen.
Änderungen sollten medizinisch abgestimmt werden.
Abszess verändert die Behandlung
Bei einer Perichondritis kann sich ein:
Abszess
bilden.
Dann reicht auch ein passendes Antibiotikum häufig nicht allein aus.
Eine abgekapselte Eiteransammlung kann eine:
- Eröffnung,
- Drainage,
- chirurgische Entlastung
erfordern.
Siehe:
Warum reicht ein Antibiotikum bei Abszess nicht immer?
In einer abgekapselten Eiterhöhle können:
- hohe Keimzahlen,
- nekrotisches Material,
- eingeschränkte Durchblutung
vorliegen.
Dadurch kann die Wirkung systemischer Antibiotika eingeschränkt sein.
Die mechanische Entlastung des Abszesses kann deshalb entscheidend sein.
Abstrich und Antibiogramm
Bei einer ausgeprägten Knorpelinfektion kann mikrobiologische Diagnostik besonders wichtig sein.
Dazu können gehören:
- Abstrich,
- Kultur,
- Erregeridentifikation,
- Antibiogramm.
Damit kann festgestellt werden:
- ob Pseudomonas beteiligt ist,
- welche weiteren Erreger vorhanden sind,
- welche Antibiotika wirksam sind.
Mehr dazu:
Wenn möglich: Material vor Antibiotikabeginn gewinnen
Bei einer klinisch relevanten Infektion kann es sinnvoll sein, Untersuchungsmaterial:
vor Beginn der Antibiotikatherapie
zu gewinnen.
Nach Beginn einer Antibiotikatherapie kann die Erregerzahl sinken und die Kultur erschwert werden.
Das bedeutet jedoch nicht:
Eine notwendige Behandlung einer schweren Perichondritis darf verzögert werden.
Bei dringlichem Befund wird häufig zunächst empirisch behandelt und die Therapie später anhand der mikrobiologischen Ergebnisse angepasst.
Empirische Therapie
Ist der Erreger noch nicht bekannt, kann zunächst eine:
empirische Antibiotikatherapie
begonnen werden.
Bei einer Knorpelpiercing-Infektion muss dabei insbesondere berücksichtigt werden:
Ist Pseudomonas ausreichend abgedeckt?
Die endgültige Wahl des Antibiotikums ist ärztliche Aufgabe.
Gezielte Therapie
Liegt ein mikrobiologischer Befund vor, kann die Therapie gezielter angepasst werden.
Dabei sollte möglichst ein Antibiotikum gewählt werden, das:
- gegen den nachgewiesenen Erreger wirksam ist,
- zum Infektionsort passt,
- klinisch ausreichend wirksam ist.
Siehe:
Welche Antibiotika werden bei Pseudomonas grundsätzlich verwendet?
Es existieren verschiedene Antibiotikaklassen mit antipseudomonaler Wirksamkeit.
Welche Substanz geeignet ist, hängt unter anderem ab von:
- Resistenzlage,
- Schweregrad,
- Alter,
- Begleiterkrankungen,
- Allergien,
- Wechselwirkungen,
- lokalen Leitlinien.
Deshalb sollte in einer Piercing-Nachsorgeseite kein einzelnes Antibiotikum als allgemeine Selbstbehandlung empfohlen werden.
Fluorchinolone
Bestimmte Fluorchinolone besitzen eine Aktivität gegen Pseudomonas und werden in der Behandlung bestimmter Perichondritiden eingesetzt.
Diese Wirkstoffe sind jedoch verschreibungspflichtig und können relevante Nebenwirkungen und Wechselwirkungen besitzen.
Sie sollten deshalb nur nach ärztlicher Beurteilung eingesetzt werden.
Die Aussage:
„Bei Knorpelinfektion braucht man immer Ciprofloxacin“
wäre zu pauschal.
Warum nicht einfach ein Standardantibiotikum?
Die Wahl hängt davon ab:
- welcher Erreger vorliegt,
- ob eine Resistenz besteht,
- wie schwer die Infektion ist,
- ob ein Abszess besteht,
- ob stationäre Behandlung notwendig ist.
Gerade bei schweren Verläufen kann eine intravenöse Therapie erforderlich sein.
Wenn keine Besserung eintritt
Eine fehlende deutliche Besserung unter Antibiotikatherapie muss bei einer Knorpelinfektion ernst genommen werden.
Mögliche Ursachen sind:
- Pseudomonas wird nicht erfasst,
- Resistenz,
- falscher Erreger,
- Abszess,
- Chondritis,
- Nekrose,
- unzureichende Drainage,
- falsche Diagnose.
Dann muss die Therapie zeitnah überprüft werden.
Siehe:
Keine Besserung ist kein Grund, einfach länger abzuwarten
Bei einer fortschreitenden Knorpelinfektion sollte nicht nach dem Prinzip gehandelt werden:
„Das Antibiotikum braucht vielleicht einfach noch ein paar Tage.“
Wenn:
- Schmerzen zunehmen,
- Schwellung zunimmt,
- Rötung sich ausbreitet,
- Eiter zunimmt,
- die Ohrform sich verändert
ist eine erneute ärztliche Beurteilung erforderlich.
Schmuck bei Knorpelinfektion
Auch bei einer Knorpelinfektion gilt:
Der Schmuck sollte nicht automatisch ohne Beurteilung entfernt werden.
Gleichzeitig darf er aber auch nicht grundsätzlich unabhängig vom Befund im Gewebe bleiben.
Problematisch kann Schmuck sein, wenn er:
- zu kurz ist,
- tief einschneidet,
- eingebettet ist,
- den Sekretabfluss behindert,
- eine starke mechanische Belastung verursacht.
Die Entscheidung sollte sich nach der konkreten Situation richten.
Siehe:
Piercingschmuck bei bakterieller Infektion entfernen oder belassen?
Mechanische Faktoren zusätzlich korrigieren
Auch unter korrekter Antibiotikatherapie kann eine Infektion beziehungsweise Entzündung fortbestehen, wenn gleichzeitig:
- Druck,
- Reibung,
- falsche Schmucklänge,
- falscher Winkel,
- permanente Bewegung
bestehen.
Die Behandlung sollte deshalb immer auch die mechanische Situation berücksichtigen.
Keine chondrotoxischen Produkte unkritisch tief einbringen
Bei einem stark geschädigten oder vereiterten Knorpelpiercing ist außerdem wichtig:
Bestimmte antiseptische Wirkstoffe zeigen bei direktem Kontakt mit Knorpelzellen experimentell:
chondrotoxische Effekte.
Dazu gehören unter anderem:
- Povidon-Iod,
- PHMB unter bestimmten direkten In-vitro-Bedingungen.
Das bedeutet nicht automatisch, dass eine normale äußerliche Anwendung jeden Ohrknorpel schädigt.
Bei einem tief zerstörten oder infizierten Knorpelpiercing sollte jedoch nicht versucht werden, solche Lösungen möglichst tief in das Gewebe einzubringen.
Siehe:
Lokale Antiseptika ersetzen keine systemische Therapie
Auch wenn Produkte wie:
- Octenisept,
- Betaisodona,
- PHMB-haltige Wundlösungen
antimikrobiell wirken, können sie eine echte tiefe Perichondritis oder Chondritis nicht zuverlässig allein behandeln.
Ein tief infiziertes Knorpelpiercing ist keine normale Aftercare-Situation.
Wann besteht besonderer Handlungsbedarf?
Besonders ernst zu nehmen sind:
- starke zunehmende Schmerzen,
- deutliche Überwärmung,
- rasch zunehmende Schwellung,
- Eiter,
- stark gespannte Haut,
- Veränderung der Ohrkontur,
- Fieber,
- Schüttelfrost,
- deutliche Verschlechterung des Allgemeinzustands.
Hier sollte medizinisch abgeklärt werden.
Veränderung der Ohrform
Eine Veränderung der Ohrform ist besonders kritisch.
Sie kann darauf hinweisen, dass:
- ein Abszess,
- eine ausgeprägte Perichondritis,
- eine beginnende Knorpelschädigung
vorliegt.
Dann sollte nicht weiter allein mit lokalen Pflegeprodukten experimentiert werden.
Schnellübersicht
| Aussage | Einordnung |
|---|---|
| Knorpelinfektion ist wie eine normale oberflächliche Hautinfektion | nein |
| Perichondritis kann Knorpel dauerhaft schädigen | ja |
| Pseudomonas ist bei Knorpelpiercings besonders relevant | ja |
| jedes Hautantibiotikum wirkt gegen Pseudomonas | nein |
| systemische Antibiotika sind bei echter Perichondritis häufig erforderlich | ja |
| rein lokale Salbe reicht bei tiefer Perichondritis meist aus | nein |
| deutliche Besserung kann unter passender Therapie nach wenigen Tagen eintreten | ja |
| unkomplizierte Behandlung häufig ungefähr 1–2 Wochen | ja |
| jeder Fall ist nach 7 Tagen ausgeheilt | nein |
| Abszess kann Drainage erforderlich machen | ja |
| Antibiogramm kann Therapieauswahl verbessern | ja |
| fehlende Besserung muss neu bewertet werden | ja |
| Schmuck immer sofort entfernen | nein |
| lokale Antiseptika ersetzen systemische Therapie | nein |
Der wichtigste Grundsatz
Eine bakterielle Infektion eines Knorpelpiercings sollte nicht wie eine einfache oberflächliche Hautreizung behandelt werden.
Besonders berücksichtigt werden müssen:
Pseudomonas aeruginosa
und die Möglichkeit einer:
Perichondritis beziehungsweise Chondritis.
Bei einer echten tiefen Knorpelinfektion ist häufig eine:
systemische Antibiotikatherapie
erforderlich.
Wenn das Antibiotikum zum Erreger passt, kann häufig innerhalb weniger Tage eine deutliche Besserung eintreten.
Bei unkomplizierten Verläufen liegt die gesamte Therapiedauer häufig ungefähr im Bereich von:
1 bis 2 Wochen.
Bei:
- Abszess,
- falscher Antibiotikawahl,
- resistentem Erreger,
- Nekrose,
- verzögertem Therapiebeginn
kann der Verlauf jedoch erheblich komplizierter sein.
Deshalb gilt:
Knorpelinfektionen früh ernst nehmen, das Erregerspektrum berücksichtigen und bei ausbleibender Besserung die Therapie zeitnah überprüfen.
