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Inhaltsverzeichnis
Reizung, mechanische Belastung und Schwellung
Ein Piercing kann auch dann Probleme machen, wenn keine Infektion vorliegt.
Eine der häufigsten Ursachen während der Heilung ist eine:
mechanische Reizung.
Damit ist gemeint, dass auf das Piercing immer wieder:
- Druck
- Zug
- Reibung
- Bewegung
- Stoß
- Quetschung
- seitliche Belastung
einwirken.
Das empfindliche Heilungsgewebe im Stichkanal kann dadurch immer wieder gereizt oder erneut verletzt werden.
Eine Reizung ist nicht automatisch eine Infektion
Ein gereiztes Piercing kann ähnlich aussehen wie ein entzündetes oder infiziertes Piercing.
Möglich sind beispielsweise:
- Rötung
- leichte bis mäßige Schwellung
- Druckempfindlichkeit
- leichtes Brennen
- Spannungsgefühl
- vermehrte Bildung von Wundsekret
- erneute Verkrustungen
- zeitweise leichte Blutungen
Diese Beschwerden bedeuten nicht automatisch, dass Bakterien die Ursache sind.
Besonders wichtig ist deshalb die Frage:
Was ist in den letzten Stunden oder Tagen mit dem Piercing passiert?
Typischer Verlauf einer mechanischen Reizung
Ein Piercing kann bereits mehrere Tage ruhig gewesen sein.
Dann entsteht plötzlich wieder:
- Rötung
- Empfindlichkeit
- Schwellung
- Wundsekret
- erneute Verkrustung
Häufig lässt sich im Nachhinein eine mechanische Belastung feststellen.
Zum Beispiel:
- darauf geschlafen
- daran hängen geblieben
- Schmuck stark bewegt
- enge Kleidung getragen
- Kopfhörer oder Helm getragen
- Sport gemacht
- Fahrrad gefahren
- lange gesessen
- häufig aufgestanden und hingesetzt
- beim schnellen Aufstehen starken Zug auf das Piercing gebracht
- sexuelle Aktivitäten
- Stoß oder Schlag auf das Piercing
Das Piercing kann danach für einige Zeit wieder deutlich empfindlicher reagieren.
Warum mechanische Belastung die Heilung stört
Während der Heilung entsteht im Stichkanal empfindliches Heilungsgewebe.
Dieses Gewebe ist zunächst noch nicht so belastbar wie vollständig abgeheiltes Gewebe.
Wird es immer wieder:
- gedehnt
- zusammengedrückt
- gerieben
- gezogen
- gequetscht
- seitlich belastet
können kleine Verletzungen entstehen.
Diese Verletzungen müssen nicht mit bloßem Auge sichtbar sein.
Sie können trotzdem eine neue lokale Reaktion auslösen.
Der Körper reagiert dann möglicherweise erneut mit:
- stärkerer Durchblutung
- Rötung
- Schwellung
- Druckempfindlichkeit
- Wundsekret
Das Piercing beginnt nicht vollständig von vorne
Man hört häufig:
„Jetzt beginnt die ganze Heilung wieder von vorne.“
So einfach ist es biologisch nicht.
Der gesamte Heilungsprozess wird durch eine kleine Reizung nicht vollständig zurückgesetzt.
Aber:
Wiederholte Verletzungen können lokal erneut frühe Reparatur- und Entzündungsprozesse aktivieren.
Dadurch kann sich die gesamte Heilungszeit deutlich verlängern.
Warum wiederholte Reizung besonders problematisch ist
Eine einmalige kleine Belastung kann sich häufig schnell wieder beruhigen.
Problematischer wird es, wenn die gleiche Belastung immer wieder auftritt.
Zum Beispiel:
Druck
→ empfindliches Heilungsgewebe wird gereizt
→ Schwellung und neues Wundsekret entstehen
→ Sekret trocknet an
→ Schmuck und Haut verkleben
→ bei der nächsten Bewegung zieht die Verklebung am Gewebe
→ erneute Reizung oder Mikroverletzung
→ neues Wundsekret
→ neue Verkrustung
→ der Ablauf beginnt erneut
Was bedeutet dieser Kreislauf?
Mit „Kreislauf“ ist gemeint, dass sich dieser Vorgang von Tag zu Tag wiederholen kann.
Ein Beispiel:
Am ersten Tag entsteht Wundsekret und trocknet am Schmuck an.
Am nächsten Tag bewegt sich der Schmuck beim Schlafen, Anziehen, Sitzen, Aufstehen oder durch eine andere Belastung.
Dabei zieht die Verklebung am empfindlichen Heilungsgewebe.
Das Gewebe wird erneut gereizt.
Der Körper reagiert wieder mit:
- Rötung
- Schwellung
- neuer Sekretbildung
Dieses neue Sekret trocknet erneut an.
Am nächsten Tag kann der gleiche Vorgang wieder stattfinden.
So kann aus einer zunächst kleinen Reizung ein Problem entstehen, das über viele Tage oder sogar Wochen immer wieder aufflammt.
Das Piercing wirkt dann so, als würde es „nie richtig abheilen“.
Tatsächlich kann der Heilungsprozess immer wieder durch neue kleine mechanische Reizungen gestört werden.
Alltag kann eine starke Belastung darstellen
Mechanische Belastung bedeutet nicht nur:
- Sport
- Unfall
- starker Stoß
Auch ganz normale Alltagsbewegungen können je nach Piercingstelle eine Rolle spielen.
Dazu gehören beispielsweise:
- Fahrradfahren
- Treppensteigen
- häufiges Sitzen
- langes Sitzen
- schnelles Aufstehen
- Hinsetzen und Aufstehen
- Bücken
- Strecken
- Drehen des Oberkörpers
- Schlafen
- sexuelle Aktivitäten
- körperliche Arbeit
Welche Bewegung problematisch ist, hängt stark davon ab, wo sich das Piercing befindet.
Beispiel Bauchnabelpiercing
Ein Bauchnabelpiercing ist ständig Bewegungen der Bauchdecke ausgesetzt.
Belastungen können beispielsweise entstehen durch:
- Sitzen
- langes Sitzen
- schnelles Aufstehen
- häufiges Hinsetzen und Aufstehen
- Bücken
- Fahrradfahren
- Treppensteigen
- Sport
- enge Hosen
- Gürtel
- hohe Hosenbünde
- sexuelle Aktivitäten
- Schlafen auf dem Bauch
Beim Sitzen kann die Bauchhaut zusammengedrückt werden.
Beim Aufstehen verändert sich die Spannung der Haut wieder.
Ist der Schmuck gleichzeitig durch angetrocknetes Wundsekret mit der Haut verklebt, kann diese Bewegung am Stichkanal ziehen.
Beispiel Helixpiercing
Beim Helixpiercing gehören zu den häufigsten Belastungen:
- Schlafen auf dem Piercing
- Haare bleiben am Schmuck hängen
- Haare kämmen
- Pullover über den Kopf ziehen
- Mützen
- Fahrradhelm
- Motorradhelm
- Kopfhörer
- Telefonieren mit Druck auf das Ohr
Gerade während des Schlafens kann über längere Zeit seitlicher Druck auf das Piercing wirken.
Beispiel Brustwarzenpiercing
Belastungen können beispielsweise entstehen durch:
- enge Kleidung
- BH
- Sportbekleidung
- Reibung
- Schlafposition
- sexuelle Aktivitäten
- Hängenbleiben beim Anziehen
Auch wiederholte kleine Bewegungen können über längere Zeit zu einer dauerhaften Reizung führen.
Beispiel Intimpiercing
Bei Intimpiercings können unter anderem folgende Belastungen eine Rolle spielen:
- Sitzen
- Fahrradfahren
- enge Kleidung
- Reibung
- Sport
- sexuelle Aktivitäten
Hier kann die mechanische Belastung abhängig von der jeweiligen Piercingart besonders unterschiedlich sein.
Die genauen Empfehlungen werden deshalb später bei den einzelnen Piercingarten erklärt.
Schwellung gehört teilweise zur normalen Heilung
Eine gewisse Schwellung ist nach dem Stechen zunächst normal.
Durch die Verletzung reagiert das Gewebe unter anderem mit:
- verstärkter Durchblutung
- Flüssigkeitseinlagerung
- lokaler Entzündungsreaktion
- Druckempfindlichkeit
- Spannungsgefühl
Eine leichte bis mäßige Schwellung in den ersten Tagen bedeutet deshalb nicht automatisch, dass etwas nicht stimmt.
Entscheidend ist der Verlauf
Wichtiger als die reine Frage:
„Ist das Piercing geschwollen?“
ist:
Wird die Schwellung insgesamt besser oder schlechter?
Eine normale frühe Schwellung sollte im Verlauf eher zurückgehen.
Sie kann jedoch nach einer mechanischen Belastung vorübergehend wieder zunehmen.
Schwellung kann nach Belastung erneut auftreten
Auch wenn ein Piercing bereits deutlich abgeschwollen war, kann mechanische Belastung eine erneute Schwellung verursachen.
Zum Beispiel durch:
- Schlafen auf dem Piercing
- Fahrradfahren
- Sport
- langes Sitzen
- schnelles Aufstehen
- enge Kleidung
- sexuelle Aktivitäten
- seitlichen Druck
- Hängenbleiben
- Stoß
Typisch ist:
Das Piercing war bereits ruhiger und ist nach einer bestimmten Belastung plötzlich wieder dicker oder empfindlicher.
Druck ist nicht immer sofort spürbar
Mechanischer Druck muss nicht unbedingt stark schmerzen.
Ein Piercing kann über Stunden leicht belastet werden, ohne dass dies sofort als unangenehm empfunden wird.
Trotzdem kann das Heilungsgewebe darauf reagieren.
Typisches Beispiel:
Das Schlafen auf einem Ohrpiercing.
Der Betroffene schläft mehrere Stunden auf dem Schmuck.
Am nächsten Morgen ist das Piercing möglicherweise:
- gerötet
- geschwollen
- druckempfindlich
- stärker verkrustet
- sichtbar schräger belastet
Auch der Schmuck selbst kann eine Ursache sein
Nicht jede mechanische Reizung entsteht durch äußere Belastung.
Auch Schmuck, Stichwinkel und Schmucklage können eine Rolle spielen.
Zum Beispiel:
- Schmuck ist zu kurz
- Schmuck steht unter Spannung
- Schmuck drückt in das Gewebe
- Schmuck ist sehr lang und bewegt sich ständig
- Schmuck bleibt häufig hängen
- ungeeignete Schmuckform
- ungünstige Schmuckposition
- ungünstiger Stichwinkel
- dauerhaft schräge Schmucklage
- einseitige Druckbelastung
- wiederholtes Draufschlafen
Deshalb sollte bei länger anhaltenden Problemen immer auch die mechanische Situation kontrolliert werden.
Winkelspannung und ungünstiger Stichwinkel
Bei einem Piercing spielt nicht nur die Position des Einstichs eine Rolle, sondern auch der Winkel, in dem der Stichkanal durch das Gewebe verläuft.
Ist der Stichwinkel nicht optimal an:
- Anatomie
- Gewebedicke
- Schmuckform
- geplante Schmucklage
angepasst, kann eine mechanische Winkelspannung entstehen.
Das bedeutet:
Der Schmuck liegt nicht vollständig spannungsfrei im Gewebe.
Dadurch kann eine Seite des Stichkanals stärker belastet werden als die andere.
Mögliche Folgen können sein:
- einseitige Rötung
- einseitige Schwellung
- wiederkehrende Druckempfindlichkeit
- vermehrte Sekretbildung
- wiederkehrende Reizung
- Gewebeveränderungen am Ein- oder Austritt
- problematischer oder verlangsamter Heilungsverlauf
Winkelspannung kann auch später entstehen
Ein Piercing kann ursprünglich in einer günstigen Lage gestochen worden sein und trotzdem später mechanisch ungünstiger belastet werden.
Das kann beispielsweise passieren durch:
- dauerhaftes Draufschlafen
- wiederkehrenden seitlichen Druck
- häufiges Hängenbleiben
- ungünstige Schmucklänge
- starke Hebelwirkung des Schmucks
Dadurch kann sich die Lage des Schmucks zum Gewebe verändern.
Beispiel Helix: Schlafen auf dem Piercing
Beim Helixpiercing kann wiederholtes Schlafen auf dem Piercing besonders problematisch sein.
Liegt der Schmuck nachts immer wieder schräg und wird über viele Stunden seitlich belastet, kann dauerhaft Druck auf:
- Stichkanal
- umliegendes Gewebe
- Knorpel
entstehen.
Ein einmaliges Schlafen auf dem Piercing führt nicht automatisch zu einer bleibenden Veränderung.
Problematisch ist vor allem die wiederkehrende Belastung über viele Nächte.
Kann sich Knorpel durch Druck verändern?
Knorpel ist formstabil, aber nicht völlig unverformbar.
Anhaltender oder wiederkehrender Druck kann das lokale Gewebe und die Stellung des Piercings ungünstig beeinflussen.
In der Praxis kann sich dadurch beispielsweise zeigen:
- Schmuck liegt zunehmend schräg
- Ein- und Austritt stehen nicht mehr so günstig zueinander
- eine Seite wird stärker belastet
- das Gewebe wird einseitig zusammengedrückt
- die ursprüngliche Schmucklage verändert sich
Das bedeutet nicht, dass sich bei jedem Helixpiercing der Knorpel „verbiegt“.
Eine dauerhafte Veränderung ist jedoch bei länger anhaltender mechanischer Belastung möglich.
Schwellung und Winkelspannung können sich gegenseitig verstärken
Eine ungünstige Schmucklage kann zusätzlichen Druck erzeugen.
Darauf kann das Gewebe wiederum mit Schwellung reagieren.
Dadurch steht noch weniger Platz zur Verfügung.
So kann sich ein weiterer Kreislauf entwickeln:
Winkelspannung oder seitlicher Druck
→ Gewebe wird gereizt
→ Schwellung entsteht
→ Schmuck sitzt enger
→ zusätzlicher Druck entsteht
→ Reizung und Schwellung nehmen weiter zu
Warum kann der Schmuck später zu kurz werden?
Ein Schmuckstück kann beim Stechen zunächst ausreichend lang sein und später trotzdem zu kurz werden.
Das kann beispielsweise passieren durch:
- zunehmende Schwellung
- mechanische Reizung
- wiederholtes Draufschlafen
- Winkelspannung
- veränderte Schmucklage
- lokale Gewebeverdickung
Dadurch wird der vorhandene Platz zwischen Schmuckenden und Haut geringer.
Zu kurzer Schmuck kann die Schwellung weiter verstärken
Ist der Schmuck zu kurz, kann er zusätzlichen Druck auf das Gewebe ausüben.
Dadurch kann sich ein Kreislauf entwickeln:
Schwellung
→ Schmuck wird enger
→ mehr Druck entsteht
→ empfindliches Heilungsgewebe wird stärker gereizt
→ Schwellung nimmt weiter zu
→ Schmuck wird noch enger
Dieser Kreislauf sollte möglichst früh unterbrochen werden.
Woran erkennt man, dass der Schmuck zu kurz wird?
Warnzeichen sind beispielsweise:
- Kugel oder Aufsatz liegt sehr fest auf der Haut
- kaum noch Abstand zwischen Schmuck und Haut
- Schmuck drückt sichtbar ein
- deutliche Druckstellen entstehen
- Schmuck beginnt einzusinken
- Haut wölbt sich über Schmuckteile
- Schwellung nimmt weiter zu
Dann sollte das Piercing zeitnah von einem erfahrenen Piercer kontrolliert werden.
Woran kann eine Winkelspannung auffallen?
Hinweise können sein:
- Schmuck liegt sichtbar schräg
- Ein- und Austrittsseite werden unterschiedlich stark belastet
- eine Seite ist immer wieder gerötet
- eine Seite ist häufiger geschwollen
- eine Seite bildet wiederholt Sekret
- nur eine Seite entwickelt wiederkehrende Gewebeveränderungen
- Schmuck drückt einseitig
- Beschwerden treten nach dem Schlafen regelmäßig wieder auf
- das Piercing wird zunehmend schräger
- Schmuck wirkt plötzlich zu kurz
Solche Veränderungen sollten nicht ausschließlich als „Entzündung“ betrachtet werden.
Es muss auch geprüft werden, ob eine mechanische Ursache vorliegt.
Winkelspannung kann nicht durch mehr Reinigung beseitigt werden
Ist die Ursache:
- ungünstiger Stichwinkel beim Stechen
- ungünstiger Winkel nach wiederholtem Schlafdruck
- dauerhafter seitlicher Druck
- veränderte Schmucklage
- ungeeignete Schmucklänge
reicht zusätzliche Reinigung allein nicht aus.
Warum kann sich der Winkel zum Beispiel bei einem Helixpiercing durch Draufschlafen verändern?
Ein Helixpiercing wird durch Knorpelgewebe gestochen.
Wird regelmäßig auf dem Piercing geschlafen, wirkt über viele Stunden immer wieder seitlicher Druck auf:
- den Schmuck
- den Stichkanal
- das umliegende Gewebe
- den Knorpel
Der Schmuck kann dabei während des Schlafens leicht schräg gedrückt werden.
Passiert das nur einmal, muss daraus noch kein dauerhaftes Problem entstehen.
Wird das Piercing jedoch immer wieder über viele Nächte in dieselbe Richtung belastet, kann sich die mechanische Situation verändern.
Dabei kann:
- der Schmuck zunehmend schräg liegen
- eine Seite des Stichkanals stärker belastet werden
- die Druckverteilung zwischen Ein- und Austritt ungleich werden
- das umliegende Gewebe dauerhaft zusammengedrückt werden
- sich die ursprüngliche Schmucklage ungünstig verändern
Knorpel ist zwar relativ formstabil, aber nicht vollkommen unverformbar.
Anhaltender oder wiederholter Druck kann deshalb die lokale Form und die Lage des Piercings ungünstig beeinflussen.
Dadurch kann sich eine Winkelspannung entwickeln oder verstärken.
Warum wird der Schmuck dadurch manchmal später zu kurz?
Wenn der Schmuck schräger im Gewebe liegt, verteilt sich der vorhandene Platz nicht mehr gleichmäßig.
Zusätzlich kann das Gewebe durch:
- Reizung
- Schwellung
- Druck
- lokale Verdickung
mehr Raum beanspruchen.
Dadurch kann ein Schmuckstück, das ursprünglich ausreichend lang war, später plötzlich zu knapp sitzen.
Dann entsteht zusätzlicher Druck.
Dieser kann wiederum:
- die Schwellung verstärken
- das Gewebe weiter reizen
- die Winkelspannung erhöhen
- die Heilung weiter verzögern
Deshalb ist es bei einem Helixpiercing besonders wichtig, wiederholten Schlafdruck möglichst zu vermeiden.
Die mechanische Ursache muss erkannt und soweit möglich beseitigt werden.
Was sollte bei Verdacht auf Winkelspannung kontrolliert werden?
Ein erfahrener Piercer sollte beurteilen:
- Position des Piercings
- Stichwinkel
- Ein- und Austritt
- Schmucklage
- Schmucklänge
- Schmuckform
- Druckverteilung
- mögliche Belastung durch die Schlafposition
- mögliche Veränderung der ursprünglichen Stichachse
Nicht jede Winkelproblematik lässt sich allein durch Pflege korrigieren.
Zu langer Schmuck
Auch ein zu langer Schmuck kann problematisch werden.
Er kann:
- stärker hin- und herbewegt werden
- leichter hängen bleiben
- an Kleidung oder Haaren hängen bleiben
- eine größere Hebelwirkung auf den Stichkanal ausüben
- bei seitlicher Belastung stärker verkanten
Deshalb kann nach dem Abschwellen bei manchen Piercings später ein kürzerer Schmuck sinnvoll sein.
Der richtige Zeitpunkt hängt von Piercingart und Heilungsverlauf ab.
Reibung
Reibung entsteht beispielsweise durch:
- Kleidung
- Haare
- Kopfhörer
- Helme
- Bettwäsche
- BH
- Gürtel
- Sportausrüstung
Dauerhafte Reibung kann das Gewebe über längere Zeit reizen, auch wenn jede einzelne Bewegung nur gering erscheint.
Hängenbleiben
Ein typischer Auslöser für eine plötzlich stärkere Reizung ist das Hängenbleiben.
Zum Beispiel an:
- Handtuch
- Kleidung
- Haaren
- Kamm
- Bürste
- Helm
- Schmuckstücken
- Bettwäsche
Nach einem solchen Ereignis kann das Piercing:
- kurz bluten
- anschwellen
- empfindlicher werden
- stärker Wundsekret bilden
Das bedeutet nicht automatisch, dass eine Infektion entstanden ist.
Wundsekret und mechanische Reizung
Ein gereiztes Piercing kann stärker Wundsekret bilden.
Dieses Sekret kann anschließend am Schmuck antrocknen.
Dadurch können Schmuck und Haut miteinander verkleben.
Bewegt sich der Schmuck später erneut, können die angetrockneten Rückstände am empfindlichen Heilungsgewebe ziehen.
Deshalb gehören:
- schonende Reinigung
- ausreichendes Einweichen
- Vermeidung fester Verklebungen
zu den wichtigen Maßnahmen bei einem mechanisch gereizten Piercing.
Können durch Reizung Gewebeveränderungen entstehen?
Anhaltende mechanische Belastung kann dazu beitragen, dass sich das Gewebe am Stichkanal sichtbar verändert.
Möglich sind beispielsweise:
- lokale Schwellungen
- kleine Reizknubbel
- verstärktes Granulationsgewebe
- Hypergranulation
- wiederkehrende Sekretblasen
- Narbenveränderungen
Dabei ist wichtig:
Nicht jede Gewebeveränderung hat dieselbe Ursache.
Und nicht jede sichtbare Veränderung ist automatisch „Wildfleisch“.
Reizung und Hypergranulation
Hypergranulation entsteht nicht allein durch eine einzelne Bewegung.
Begünstigend können jedoch mehrere Faktoren zusammenwirken, beispielsweise:
- wiederholte mechanische Reizung
- Druck
- Reibung
- anhaltende Feuchtigkeit
- vermehrtes Wundsekret
- wiederholte Mikroverletzungen
- ungeeigneter Schmuck
- ungünstige Schmucklage
Deshalb sollte bei solchen Veränderungen immer versucht werden, die tatsächliche Ursache zu erkennen.
Nicht jede Schwellung bedeutet Infektion
Eine Schwellung allein ist kein Beweis für eine Infektion.
Auch:
- normale frühe Wundheilung
- mechanische Reizung
- Druck
- Winkelspannung
- zu kurzer Schmuck
können eine Schwellung verursachen.
Deshalb sollte immer der Gesamtverlauf betrachtet werden.
Wann wird eine Schwellung auffällig?
Eine Schwellung sollte genauer beurteilt werden, wenn sie:
- deutlich stärker statt schwächer wird
- sehr schnell zunimmt
- stark schmerzt
- mit ausgeprägter Überwärmung einhergeht
- zusammen mit deutlich zunehmender Rötung auftritt
- den Schmuck sichtbar einengt
- einseitig sehr stark ausgeprägt ist
- nach mehreren Tagen weiter zunimmt
Besondere Vorsicht bei Knorpelpiercings
Stärkere Schwellungen an Knorpelpiercings sollten besonders aufmerksam beurteilt werden.
Das gilt beispielsweise bei:
- Helix
- Forward Helix
- Flat
- Conch
- Rook
- Daith
- Tragus
Wenn die gesamte Ohrmuschel deutlich anschwillt, stark gerötet oder sehr schmerzhaft wird, sollte eine medizinische Abklärung nicht unnötig verzögert werden.
Was sollte man bei einer mechanischen Reizung tun?
Zunächst sollte überprüft werden:
- Was hat das Piercing belastet?
- Wird darauf geschlafen?
- Gibt es Druck durch Kleidung?
- Bleibt der Schmuck irgendwo hängen?
- Ist der Schmuck zu kurz?
- Ist der Schmuck sehr lang?
- Liegt der Schmuck sichtbar schräg?
- Wird eine Seite stärker belastet?
- Wird häufig daran gefasst?
- Entstehen ständig Verklebungen?
- Gibt es eine neue sportliche oder körperliche Belastung?
- Hat sich die Schmucklage verändert?
- Nimmt die Schwellung zu oder ab?
Die wichtigste Maßnahme ist:
Die Ursache der Reizung möglichst beseitigen.
Piercing möglichst zur Ruhe kommen lassen
Bei einer mechanischen Reizung sollte zusätzliche Belastung möglichst reduziert werden.
Das bedeutet beispielsweise:
- nicht unnötig berühren
- nicht drehen
- nicht damit spielen
- Druck vermeiden
- Reibung vermeiden
- nicht darauf schlafen
- Hängenbleiben verhindern
Reinigung weiterhin durchführen
Ein gereiztes Piercing sollte weiterhin schonend gepflegt werden.
Für die Basisreinigung verwenden wir:
sterile isotonische Kochsalzlösung NaCl 0,9 %.
Verkrustungen werden:
- gründlich befeuchtet
- ausreichend eingeweicht
- erst danach vorsichtig entfernt
Nicht trocken abkratzen.
Nicht gewaltsam entfernen.
Nicht automatisch stärker desinfizieren
Eine mechanische Reizung oder Schwellung wird nicht automatisch besser, wenn stärkere Desinfektionsmittel eingesetzt werden.
Ist die Ursache beispielsweise:
- Druck
- Reibung
- zu kurzer Schmuck
- ungünstiger Stichwinkel
- schräge Schmucklage
- ständiges Hängenbleiben
muss vor allem diese Ursache beseitigt werden.
Mehr Desinfektionsmittel beseitigt keinen mechanischen Druck und keine Winkelspannung.
Keine aggressiven Hausmittel
Bei einem gereizten Piercing sollten nicht auf eigene Faust verwendet werden:
- Wasserstoffperoxid
- Alkohol
- Teebaumöl
- aggressive Desinfektionsmittel
- ätzende Mittel
- Salzpasten
- Zahnpasta
Solche Mittel können das Gewebe zusätzlich reizen.
Nicht ausdrücken
Gewebeveränderungen oder kleine Sekretansammlungen sollten nicht:
- ausgedrückt
- aufgestochen
- abgeschnitten
- aufgekratzt
werden.
Dadurch entstehen zusätzliche Verletzungen und neue Eintrittsmöglichkeiten für Mikroorganismen.
Wie schnell sollte sich eine Reizung oder Schwellung beruhigen?
Das lässt sich nicht für jedes Piercing exakt vorhersagen.
Wenn die Ursache tatsächlich erkannt und beseitigt wurde, sollte sich zumindest die Tendenz verbessern.
Zum Beispiel:
- weniger Schmerzen
- weniger Rötung
- weniger Schwellung
- weniger Sekret
- weniger Empfindlichkeit
Die Verbesserung muss nicht innerhalb weniger Stunden vollständig sichtbar sein.
Entscheidend ist:
Wird es insgesamt besser oder wird es weiter schlechter?
Wenn die Reizung oder Schwellung immer wieder zurückkommt
Kommt die gleiche Veränderung immer wieder zurück, sollte nach einer dauerhaften Ursache gesucht werden.
Zum Beispiel:
- falsche Schlafposition
- Druck durch Kleidung
- ungünstige Schmucklänge
- ungeeigneter Schmuck
- ungünstiger Stichwinkel
- schräge Schmucklage
- wiederholte seitliche Belastung
- wiederholte Bewegung
- dauerhafte Feuchtigkeit
- wiederkehrende Verklebungen
Nur die sichtbare Veränderung zu behandeln, ohne die Ursache zu beseitigen, reicht häufig nicht aus.
Reizung oder Infektion?
Eine mechanische Reizung und eine beginnende Infektion können ähnliche Symptome verursachen.
Für eine mechanische Ursache spricht beispielsweise, wenn:
- Beschwerden unmittelbar nach Druck oder Stoß auftreten
- auf dem Piercing geschlafen wurde
- das Piercing hängen geblieben ist
- neue Kleidung oder Ausrüstung Druck verursacht
- nach sportlicher Belastung Beschwerden auftreten
- nach einer bestimmten Schlafposition Beschwerden auftreten
- sich die Beschwerden nach Entlastung wieder bessern
Das schließt eine Infektion jedoch nicht sicher aus.
Warnzeichen für eine mögliche Infektion
Eine medizinische Abklärung ist besonders wichtig bei:
- deutlich zunehmenden Schmerzen
- schnell zunehmender Schwellung
- ausgeprägter Überwärmung
- sich deutlich ausbreitender Rötung
- deutlich verändertem oder eitrigem Sekret
- starkem Krankheitsgefühl
- Fieber
- Schüttelfrost
- roten Streifen, die sich von der Piercingstelle ausbreiten
Wann sollte der Piercer das Piercing kontrollieren?
Eine Kontrolle ist sinnvoll, wenn:
- die Reizung immer wieder auftritt
- die Schwellung immer wieder zurückkommt
- keine eindeutige Ursache erkennbar ist
- der Schmuck möglicherweise zu kurz ist
- der Schmuck ständig hängen bleibt
- der Schmuck sichtbar schräg liegt
- sich die Schmucklage verändert hat
- eine Gewebeveränderung entsteht
- das Piercing zunehmend schief erscheint
- nur eine Seite immer wieder Probleme macht
- Schmuck einsinkt
- Beschwerden trotz Entlastung nicht besser werden
Wann sollte ein Arzt hinzugezogen werden?
Eine ärztliche Beurteilung ist erforderlich, wenn der Verdacht auf eine stärkere Infektion oder eine andere medizinische Komplikation besteht.
Besonders bei:
- starken oder rasch zunehmenden Schmerzen
- rasch zunehmender Schwellung
- deutlicher Überwärmung
- großflächiger oder sich ausbreitender Rötung
- eitrigem Sekret
- Fieber
- Schüttelfrost
- deutlichem Krankheitsgefühl
sollte nicht nur weiter beobachtet werden.
Merke
Nicht jede Rötung ist eine Infektion.
Nicht jede Schwellung bedeutet Eiter oder Infektion.
Eine leichte Schwellung gehört in der frühen Heilungsphase häufig dazu.
Entscheidend ist der Verlauf: langfristig sollte die Schwellung eher abnehmen als zunehmen.
Ein Piercing kann durch alltägliche Bewegungen immer wieder gereizt werden.
Auch Fahrradfahren, Treppensteigen, langes Sitzen, schnelles Aufstehen, Sport oder sexuelle Aktivitäten können je nach Piercingstelle eine mechanische Belastung darstellen.
Wiederholte kleine Belastungen können problematischer sein als eine einzelne kurze Belastung.
Auch Stichwinkel, Schmucklage und seitlicher Druck können eine dauerhafte Reizung verursachen.
Wiederholtes Draufschlafen kann besonders bei Knorpelpiercings zu einer zunehmend ungünstigen Schmucklage und zusätzlichen Winkelspannungen führen.
Ein Schmuckstück kann durch Schwellung oder veränderte Winkelbelastung später zu kurz werden, obwohl es ursprünglich ausreichend lang war.
Wird der Schmuck zunehmend eng oder beginnt einzusinken, sollte das Piercing zeitnah kontrolliert werden.
Entscheidend ist nicht nur, die sichtbare Reizung oder Schwellung zu behandeln – sondern die Ursache zu finden und zu beseitigen.
