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Inhaltsverzeichnis
Reizung und mechanische Belastung
Ein Piercing kann auch dann Probleme machen, wenn keine Infektion vorliegt.
Eine der häufigsten Ursachen während der Heilung ist eine:
mechanische Reizung.
Damit ist gemeint, dass auf das Piercing immer wieder:
- Druck
- Zug
- Reibung
- Bewegung
- Stoß
- Quetschung
einwirken.
Das empfindliche Heilungsgewebe im Stichkanal kann dadurch immer wieder gereizt oder erneut verletzt werden.
Eine Reizung ist nicht automatisch eine Infektion
Ein gereiztes Piercing kann ähnlich aussehen wie ein entzündetes oder infiziertes Piercing.
Möglich sind beispielsweise:
- Rötung
- leichte Schwellung
- Druckempfindlichkeit
- leichtes Brennen
- Spannungsgefühl
- vermehrte Bildung von Wundsekret
- erneute Verkrustungen
- zeitweise leichte Blutungen
Diese Beschwerden bedeuten nicht automatisch, dass Bakterien die Ursache sind.
Besonders wichtig ist deshalb die Frage:
Was ist in den letzten Stunden oder Tagen mit dem Piercing passiert?
Typischer Verlauf einer mechanischen Reizung
Ein Piercing kann bereits mehrere Tage ruhig gewesen sein.
Dann entsteht plötzlich wieder:
- Rötung
- Empfindlichkeit
- leichte Schwellung
- Wundsekret
Häufig lässt sich im Nachhinein eine mechanische Belastung feststellen.
Zum Beispiel:
- darauf geschlafen
- daran hängen geblieben
- Schmuck stark bewegt
- enge Kleidung getragen
- Kopfhörer oder Helm getragen
- Sport gemacht
- Fahrrad gefahren
- lange gesessen
- häufig aufgestanden und hingesetzt
- beim schnellen Aufstehen starken Zug auf das Piercing gebracht
- sexuelle Aktivitäten
- Stoß oder Schlag auf das Piercing
Das Piercing kann danach für einige Zeit wieder deutlich empfindlicher reagieren.
Warum mechanische Belastung die Heilung stört
Während der Heilung entsteht im Stichkanal empfindliches neues Gewebe.
Dieses Gewebe ist zunächst noch nicht so belastbar wie vollständig abgeheiltes Gewebe.
Wird es immer wieder:
- gedehnt
- zusammengedrückt
- gerieben
- gezogen
- gequetscht
können kleine Verletzungen entstehen.
Diese Verletzungen müssen nicht mit bloßem Auge sichtbar sein.
Sie können trotzdem eine neue lokale Reaktion auslösen.
Der Körper reagiert dann möglicherweise erneut mit:
- stärkerer Durchblutung
- Rötung
- Schwellung
- Druckempfindlichkeit
- Wundsekret
Das Piercing beginnt nicht vollständig von vorne
Man hört häufig:
„Jetzt beginnt die ganze Heilung wieder von vorne.“
So einfach ist es biologisch nicht.
Der gesamte Heilungsprozess wird durch eine kleine Reizung nicht vollständig zurückgesetzt.
Aber:
Wiederholte Verletzungen können lokal erneut frühe Reparatur- und Entzündungsprozesse aktivieren.
Dadurch kann sich die gesamte Heilungszeit deutlich verlängern.
Warum wiederholte Reizung besonders problematisch ist
Eine einmalige kleine Belastung kann sich häufig schnell wieder beruhigen.
Problematischer wird es, wenn die gleiche Belastung immer wieder auftritt.
Zum Beispiel:
Druck
→ Gewebe wird gereizt
→ neues Wundsekret entsteht
→ Sekret trocknet an
→ Schmuck und Haut verkleben
→ bei der nächsten Bewegung zieht die Verklebung am Gewebe
→ erneute Reizung
→ neues Wundsekret
→ der Kreislauf beginnt erneut
Ein Problem kann dadurch über Wochen bestehen bleiben
Dieser Vorgang kann sich täglich wiederholen.
Das Piercing sieht dann beispielsweise morgens schlechter aus, beruhigt sich im Laufe des Tages und wird nach der nächsten Belastung wieder rot oder empfindlich.
Für den Kunden entsteht schnell der Eindruck:
„Mein Piercing heilt überhaupt nicht.“
Tatsächlich kann es aber sein, dass das Piercing grundsätzlich heilen könnte, das empfindliche Heilungsgewebe jedoch immer wieder mechanisch gestört wird.
Alltag kann eine starke Belastung darstellen
Mechanische Belastung bedeutet nicht nur:
- Sport
- Unfall
- starker Stoß
Auch ganz normale Bewegungen können je nach Piercingstelle eine Rolle spielen.
Dazu gehören beispielsweise:
- Fahrradfahren
- Treppensteigen
- häufiges Sitzen
- langes Sitzen
- schnelles Aufstehen
- Hinsetzen und Aufstehen
- Bücken
- Strecken
- Drehen des Oberkörpers
- Schlafen
- sexuelle Aktivitäten
- körperliche Arbeit
Welche Bewegung problematisch ist, hängt stark davon ab, wo sich das Piercing befindet.
Beispiel Bauchnabelpiercing
Ein Bauchnabelpiercing ist ständig Bewegungen der Bauchdecke ausgesetzt.
Belastungen entstehen beispielsweise durch:
- Sitzen
- Aufstehen
- Bücken
- Fahrradfahren
- Treppensteigen
- Sport
- enge Hosen
- Gürtel
- hohe Hosenbünde
- sexuelle Aktivitäten
- Schlafen auf dem Bauch
Beim Sitzen kann die Bauchhaut zusammengedrückt werden.
Beim Aufstehen verändert sich die Spannung der Haut wieder.
Ist das Piercing gleichzeitig durch angetrocknetes Wundsekret mit der Haut verklebt, kann diese Bewegung am Stichkanal ziehen.
Beispiel Helixpiercing
Beim Helixpiercing gehören zu den häufigsten Belastungen:
- Schlafen auf dem Piercing
- Haare bleiben am Schmuck hängen
- Haare kämmen
- Pullover über den Kopf ziehen
- Mützen
- Fahrradhelm
- Motorradhelm
- Kopfhörer
- Telefonieren mit Druck auf das Ohr
Gerade während des Schlafens kann über längere Zeit erheblicher Druck entstehen.
Beispiel Brustwarzenpiercing
Belastungen können beispielsweise entstehen durch:
- enge Kleidung
- BH
- Sportbekleidung
- Reibung
- Schlafposition
- sexuelle Aktivitäten
- Hängenbleiben beim Anziehen
Auch wiederholte kleine Bewegungen können über längere Zeit zu einer dauerhaften Reizung führen.
Beispiel Intimpiercing
Bei Intimpiercings können unter anderem folgende Belastungen eine Rolle spielen:
- Sitzen
- Fahrradfahren
- enge Kleidung
- Reibung
- Sport
- sexuelle Aktivitäten
Hier kann die mechanische Belastung abhängig von der jeweiligen Piercingart besonders unterschiedlich sein.
Die genauen Empfehlungen werden deshalb später bei den einzelnen Piercingarten erklärt.
Druck ist nicht immer sofort spürbar
Mechanischer Druck muss nicht unbedingt stark schmerzen.
Ein Piercing kann über Stunden leicht belastet werden, ohne dass dies sofort als unangenehm empfunden wird.
Trotzdem kann das Heilungsgewebe darauf reagieren.
Typisches Beispiel:
Das Schlafen auf einem Ohrpiercing.
Der Betroffene schläft mehrere Stunden auf dem Schmuck.
Am nächsten Morgen ist das Piercing:
- gerötet
- geschwollen
- druckempfindlich
- möglicherweise stärker verkrustet
Auch der Schmuck selbst kann eine Ursache sein
Nicht jede mechanische Reizung entsteht durch äußere Belastung.
Auch der Schmuck kann eine Rolle spielen.
Zum Beispiel:
- Schmuck ist zu kurz
- Schmuck steht unter Spannung
- Schmuck drückt in das Gewebe
- Schmuck ist sehr lang und bewegt sich ständig
- Schmuck bleibt häufig hängen
- ungünstige Schmuckform
- ungünstige Position
- ungünstiger Stichwinkel
Deshalb sollte bei länger anhaltenden Problemen immer auch der Schmuck kontrolliert werden.
Zu kurzer Schmuck
Während der frühen Heilung kann das Gewebe anschwellen.
Ist der Schmuck zu kurz, kann dadurch dauerhafter Druck entstehen.
Mögliche Zeichen sind:
- Kugel oder Aufsatz drückt stark gegen die Haut
- Schmuck hinterlässt deutliche Druckstellen
- Schmuck beginnt einzusinken
- Haut wächst über Teile des Schmucks
- Schwellung nimmt weiter zu
In diesem Fall sollte das Piercing zeitnah von einem erfahrenen Piercer beurteilt werden.
Zu langer Schmuck
Auch ein zu langer Schmuck kann problematisch werden.
Er kann:
- stärker hin- und herbewegt werden
- leichter hängen bleiben
- an Kleidung oder Haaren hängen bleiben
- einen größeren Hebel auf den Stichkanal ausüben
Deshalb kann nach dem Abschwellen bei manchen Piercings später ein kürzerer Schmuck sinnvoll sein.
Der richtige Zeitpunkt hängt von der Piercingart und vom Heilungsverlauf ab.
Reibung
Reibung entsteht beispielsweise durch:
- Kleidung
- Haare
- Kopfhörer
- Helme
- Bettwäsche
- BH
- Gürtel
- Sportausrüstung
Dauerhafte Reibung kann das Gewebe über längere Zeit reizen, auch wenn jede einzelne Bewegung nur gering erscheint.
Hängenbleiben
Ein typischer Auslöser für eine plötzlich stärkere Reizung ist das Hängenbleiben.
Zum Beispiel:
- Handtuch
- Kleidung
- Haare
- Kamm
- Bürste
- Helm
- Schmuckstücke
- Bettwäsche
Nach einem solchen Ereignis kann das Piercing:
- kurz bluten
- anschwellen
- empfindlicher werden
- stärker Wundsekret bilden
Das bedeutet nicht automatisch, dass eine Infektion entstanden ist.
Wundsekret und mechanische Reizung
Ein gereiztes Piercing kann stärker Wundsekret bilden.
Dieses Sekret kann anschließend am Schmuck antrocknen.
Dadurch können Schmuck und Haut miteinander verkleben.
Bewegt sich der Schmuck später erneut, können die angetrockneten Rückstände am empfindlichen Heilungsgewebe ziehen.
Deshalb gehören:
- schonende Reinigung
- ausreichendes Einweichen
- Vermeidung fester Verklebungen
zu den wichtigen Maßnahmen bei einem mechanisch gereizten Piercing.
Können durch Reizung Gewebeveränderungen entstehen?
Anhaltende mechanische Belastung kann dazu beitragen, dass sich das Gewebe am Stichkanal sichtbar verändert.
Möglich sind beispielsweise:
- lokale Schwellungen
- kleine Reizknubbel
- verstärktes Granulationsgewebe
- Hypergranulation
- wiederkehrende Sekretblasen
- Narbenveränderungen
Dabei ist wichtig:
Nicht jede Gewebeveränderung hat dieselbe Ursache.
Und nicht jede sichtbare Veränderung ist automatisch „Wildfleisch“.
Reizung und Hypergranulation
Hypergranulation entsteht nicht allein durch eine einzelne Bewegung.
Begünstigend können jedoch mehrere Faktoren zusammenwirken, beispielsweise:
- wiederholte mechanische Reizung
- Druck
- Reibung
- anhaltende Feuchtigkeit
- vermehrtes Wundsekret
- wiederholte Mikroverletzungen
- ungeeigneter Schmuck
Deshalb sollte bei solchen Veränderungen immer versucht werden, die tatsächliche Ursache zu erkennen.
Was sollte man bei einer mechanischen Reizung tun?
Zunächst sollte überprüft werden:
- Was hat das Piercing belastet?
- Wird darauf geschlafen?
- Gibt es Druck durch Kleidung?
- Bleibt der Schmuck irgendwo hängen?
- Ist der Schmuck zu kurz?
- Ist der Schmuck sehr lang?
- Wird häufig daran gefasst?
- entstehen ständig Verklebungen?
- gibt es eine neue sportliche oder körperliche Belastung?
Die wichtigste Maßnahme ist:
Die Ursache der Reizung möglichst beseitigen.
Piercing möglichst zur Ruhe kommen lassen
Bei einer mechanischen Reizung sollte zusätzliche Belastung möglichst reduziert werden.
Das bedeutet beispielsweise:
- nicht unnötig berühren
- nicht drehen
- nicht spielen
- Druck vermeiden
- Reibung vermeiden
- nicht darauf schlafen
- Hängenbleiben verhindern
Reinigung weiterhin durchführen
Ein gereiztes Piercing sollte weiterhin schonend gepflegt werden.
Für die Basisreinigung verwenden wir:
sterile isotonische Kochsalzlösung NaCl 0,9 %.
Verkrustungen werden:
- gründlich befeuchtet
- ausreichend eingeweicht
- erst danach vorsichtig entfernt
Nicht trocken abkratzen.
Nicht gewaltsam entfernen.
Nicht automatisch stärker desinfizieren
Eine mechanische Reizung wird nicht automatisch besser, wenn stärkere Desinfektionsmittel eingesetzt werden.
Ist die Ursache beispielsweise:
- Druck
- Reibung
- zu kurzer Schmuck
- ständiges Hängenbleiben
muss vor allem diese Ursache beseitigt werden.
Mehr Desinfektionsmittel beseitigt keinen mechanischen Druck.
Keine aggressiven Hausmittel
Bei einem gereizten Piercing sollten nicht auf eigene Faust verwendet werden:
- Wasserstoffperoxid
- Alkohol
- Teebaumöl
- aggressive Desinfektionsmittel
- ätzende Mittel
- Salzpasten
- Zahnpasta
Solche Mittel können das Gewebe zusätzlich reizen.
Nicht ausdrücken
Gewebeveränderungen oder kleine Sekretansammlungen sollten nicht:
- ausgedrückt
- aufgestochen
- abgeschnitten
- aufgekratzt
werden.
Dadurch entstehen zusätzliche Verletzungen und neue Eintrittsmöglichkeiten für Mikroorganismen.
Wie schnell sollte sich eine Reizung beruhigen?
Das lässt sich nicht für jedes Piercing exakt vorhersagen.
Wenn die Ursache tatsächlich erkannt und beseitigt wurde, sollte sich zumindest die Tendenz verbessern.
Zum Beispiel:
- weniger Schmerzen
- weniger Rötung
- weniger Schwellung
- weniger Sekret
- weniger Empfindlichkeit
Die Verbesserung muss nicht innerhalb weniger Stunden vollständig sichtbar sein.
Entscheidend ist:
Wird es insgesamt besser oder wird es weiter schlechter?
Wenn die Reizung immer wieder zurückkommt
Kommt die gleiche Veränderung immer wieder zurück, sollte nach einer dauerhaften Ursache gesucht werden.
Zum Beispiel:
- falsche Schlafposition
- Druck durch Kleidung
- ungünstige Schmucklänge
- ungeeigneter Schmuck
- ungünstige Position
- wiederholte Bewegung
- dauerhafte Feuchtigkeit
- wiederkehrende Verklebungen
Nur die sichtbare Veränderung zu behandeln, ohne die Ursache zu beseitigen, reicht häufig nicht aus.
Reizung oder Infektion?
Eine mechanische Reizung und eine beginnende Infektion können ähnliche Symptome verursachen.
Für eine mechanische Ursache spricht beispielsweise, wenn:
- Beschwerden unmittelbar nach Druck oder Stoß auftreten
- auf dem Piercing geschlafen wurde
- das Piercing hängen geblieben ist
- neue Kleidung oder Ausrüstung Druck verursacht
- nach sportlicher Belastung Beschwerden auftreten
- sich die Symptome nach Entlastung wieder bessern
Das schließt eine Infektion jedoch nicht sicher aus.
Warnzeichen für eine mögliche Infektion
Eine medizinische Abklärung ist besonders wichtig bei:
- deutlich zunehmenden Schmerzen
- schnell zunehmender Schwellung
- ausgeprägter Überwärmung
- sich deutlich ausbreitender Rötung
- deutlich verändertem oder eitrigem Sekret
- starkem Krankheitsgefühl
- Fieber
- Schüttelfrost
- roten Streifen, die sich von der Piercingstelle ausbreiten
Wann sollte der Piercer das Piercing kontrollieren?
Eine Kontrolle ist sinnvoll, wenn:
- die Reizung immer wieder auftritt
- keine eindeutige Ursache erkennbar ist
- der Schmuck möglicherweise zu kurz ist
- der Schmuck ständig hängen bleibt
- eine Gewebeveränderung entsteht
- das Piercing ungewöhnlich schief erscheint
- Schmuck einsinkt
- die Beschwerden trotz Entlastung nicht besser werden
Wann sollte ein Arzt hinzugezogen werden?
Eine ärztliche Beurteilung ist erforderlich, wenn der Verdacht auf eine stärkere Infektion oder andere medizinische Komplikation besteht.
Besonders bei:
- starken oder rasch zunehmenden Schmerzen
- starker Schwellung
- deutlicher Überwärmung
- großflächiger Rötung
- eitrigem Sekret
- Fieber
- Schüttelfrost
- deutlichem Krankheitsgefühl
sollte nicht nur weiter beobachtet werden.
Merke
Nicht jede Rötung ist eine Infektion.
Nicht jede Schwellung bedeutet Eiter.
Ein Piercing kann durch alltägliche Bewegungen immer wieder gereizt werden.
Auch Fahrradfahren, Treppensteigen, langes Sitzen, schnelles Aufstehen, Sport oder sexuelle Aktivitäten können je nach Piercingstelle eine mechanische Belastung darstellen.
Wiederholte kleine Belastungen können problematischer sein als eine einzelne kurze Belastung.
Entscheidend ist nicht nur, die sichtbare Reizung zu behandeln – sondern die Ursache zu finden und zu beseitigen.
