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mikrobiologie:biofilm

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Biofilm bei Piercings

Ein Biofilm ist eine organisierte Gemeinschaft von Mikroorganismen, die an einer Oberfläche haften und sich in eine selbst gebildete Schutzmatrix einbetten.

Biofilme können unter anderem auf:

  • Gewebe,
  • Wundoberflächen,
  • Implantaten,
  • medizinischen Fremdkörpern,
  • Schmuckoberflächen

entstehen.

Bei Piercings ist deshalb grundsätzlich denkbar, dass sich Mikroorganismen sowohl am Schmuck als auch im Bereich eines länger bestehenden oder problematischen Stichkanals organisieren.

Wichtig:

Nicht jeder Belag, nicht jedes Sekret und nicht jede Kruste ist automatisch ein Biofilm.

Woraus besteht ein Biofilm?

Ein Biofilm besteht nicht nur aus Bakterien.

Zur sogenannten extrazellulären Matrix können unter anderem gehören:

  • Polysaccharide,
  • Proteine,
  • Lipide,
  • extrazelluläre DNA,
  • Wasser.

Diese Matrix umgibt die Mikroorganismen und bildet eine strukturierte Umgebung.

Wie entsteht ein Biofilm?

Die Entstehung lässt sich vereinfacht in mehrere Schritte einteilen:

1. Anhaftung

Mikroorganismen lagern sich an eine Oberfläche an.

↓

2. Festere Bindung

Die Anhaftung wird stabiler.

↓

3. Bildung einer Matrix

Die Mikroorganismen produzieren Bestandteile der extrazellulären Matrix.

↓

4. Reifung

Es entsteht eine komplexere mikrobielle Gemeinschaft.

↓

5. Ablösung einzelner Mikroorganismen

Teile des Biofilms beziehungsweise einzelne Mikroorganismen können sich lösen und andere Bereiche besiedeln.

Warum können Fremdkörper Biofilm begünstigen?

Fremdkörper bieten Mikroorganismen zusätzliche Oberflächen, an denen sie anhaften können.

Dazu gehören beispielsweise:

  • Katheter,
  • Implantate,
  • Prothesen,
  • Piercingschmuck.

Eine Oberfläche allein bedeutet jedoch nicht automatisch, dass sich ein klinisch relevanter Biofilm entwickelt.

Weitere Faktoren können eine Rolle spielen, zum Beispiel:

  • mikrobielle Belastung,
  • Feuchtigkeit,
  • vorhandene organische Ablagerungen,
  • Gewebeschädigung,
  • chronische Entzündung,
  • wiederholte mechanische Reizung.

Biofilm und Piercingschmuck

Piercingschmuck ist ein dauerhaft oder längerfristig im Gewebe liegender Fremdkörper.

Mikroorganismen können grundsätzlich an Schmuckoberflächen anhaften.

Eine glatte und gut polierte Oberfläche ist dabei günstiger als eine:

  • stark zerkratzte,
  • raue,
  • beschädigte

Oberfläche.

Rauigkeiten können zusätzliche Bereiche schaffen, in denen sich:

  • Sekret,
  • Hautbestandteile,
  • Mikroorganismen

anlagern können.

Mehr dazu:

Oberflächenqualität von Piercingschmuck

Kratzer und raue Oberflächen

Biofilm im Stichkanal

Auch Gewebeoberflächen innerhalb eines problematischen oder chronisch entzündeten Stichkanals können mikrobiell besiedelt sein.

Ein klinisch relevanter Biofilm wird insbesondere bei chronischen oder schwer heilenden Wunden diskutiert.

Für normale, unkompliziert heilende Piercings ist die direkte klinische Datenlage deutlich begrenzter.

Deshalb sollte nicht automatisch angenommen werden:

„Piercing = Biofilm.“

Was kann die Entstehung begünstigen?

Mögliche begünstigende Faktoren können sein:

  • dauerhafte mikrobielle Belastung,
  • chronische Entzündung,
  • wiederholte Gewebeschädigung,
  • schlecht kontrollierte Feuchtigkeit,
  • Wundbeläge,
  • beschädigte oder raue Schmuckoberflächen,
  • länger bestehende problematische Wunden,
  • Fremdkörper.

Ein einzelner Faktor beweist jedoch keinen Biofilm.

Feuchtigkeit und Biofilm

Feuchtigkeit kann das mikrobielle Wachstum bestimmter Mikroorganismen begünstigen.

Das bedeutet aber nicht:

Feuchtigkeit allein erzeugt automatisch einen Biofilm.

Auch ein feuchtes Piercing kann beispielsweise einfach:

  • Wundsekret bilden,
  • aufgeweichte Krusten besitzen,
  • durch Schweiß belastet sein,
  • durch Hautfalten feucht gehalten werden.

Deshalb muss immer die gesamte Situation beurteilt werden.

Sekret ist nicht automatisch Biofilm

Wundsekret kann während der Heilung normal sein.

Es kann:

  • klar,
  • weißlich,
  • leicht gelblich

erscheinen.

Beim Trocknen können daraus:

  • Filme,
  • Ablagerungen,
  • Krusten

entstehen.

Solche Rückstände sind nicht automatisch Biofilm.

Siehe:

Was ist während der Heilung normal?

Sterile Kochsalzlösung NaCl 0,9 % bei Piercings

Geruch ist kein Beweis für Biofilm

Auch Geruch allein beweist keinen Biofilm.

Geruch kann verschiedene Ursachen haben, zum Beispiel:

  • Talg,
  • Hautschuppen,
  • Schweiß,
  • Feuchtigkeit,
  • bakterielle Zersetzung organischer Rückstände,
  • Infektion.

Deshalb sollte Biofilm nicht allein anhand von Geruch diagnostiziert werden.

Farbe ist kein sicherer Hinweis

Auch die Farbe eines Belags ist kein sicherer Biofilmnachweis.

Ein Belag kann beispielsweise:

  • weißlich,
  • gelblich,
  • grünlich,
  • bräunlich

erscheinen.

Die Farbe allein erlaubt keine sichere Aussage darüber:

  • welche Mikroorganismen vorhanden sind,
  • ob ein Biofilm besteht,
  • ob eine Infektion vorliegt.

Warum Biofilme problematisch sein können

Mikroorganismen innerhalb eines Biofilms können sich biologisch anders verhalten als frei schwimmende Mikroorganismen.

Die Matrix kann dazu beitragen, dass Mikroorganismen:

  • schlechter mechanisch entfernt werden,
  • gegenüber bestimmten antimikrobiellen Einflüssen toleranter sind,
  • länger an einer Oberfläche verbleiben,
  • eine chronische mikrobielle Belastung aufrechterhalten.

Das bedeutet jedoch nicht, dass jeder Biofilm automatisch eine akute Infektion verursacht.

Biofilm ist nicht dasselbe wie Infektion

Biofilm und Infektion sind nicht identisch.

Ein Biofilm beschreibt zunächst eine bestimmte Organisationsform von Mikroorganismen.

Eine Infektion bedeutet dagegen, dass Mikroorganismen in Gewebe eindringen beziehungsweise dort eine krankhafte Reaktion verursachen.

Ein Biofilm kann mit einer Infektion verbunden sein.

Er kann aber nicht allein anhand sichtbarer Ablagerungen diagnostiziert werden.

Mehr dazu:

Infektion am Piercing

Biofilm und chronische Entzündung

Bei chronischen Wunden kann Biofilm dazu beitragen, eine anhaltende Entzündungsreaktion aufrechtzuerhalten.

Das kann mit verzögerter Heilung verbunden sein.

Für problematische Piercings ist deshalb insbesondere relevant, wenn über längere Zeit:

  • Sekretbildung,
  • Wundbeläge,
  • Entzündung,
  • Gewebereizung,
  • wiederkehrende Beschwerden

bestehen.

Trotzdem müssen andere Ursachen immer mitbeurteilt werden.

Nicht jede chronische Reizung ist Biofilm

Ein Piercing kann über Wochen oder Monate problematisch sein, ohne dass Biofilm die Hauptursache ist.

Häufige andere Ursachen sind:

  • falscher Winkel,
  • zu kurzer Schmuck,
  • zu langer Schmuck mit übermäßiger Bewegung,
  • Druck,
  • Schlafen auf dem Piercing,
  • Reibung,
  • Hängenbleiben,
  • ungeeignetes Schmuckmaterial,
  • wiederholte Mikroverletzungen.

Deshalb darf die Diagnose „Biofilm“ nicht dazu führen, mechanische Ursachen zu übersehen.

Siehe:

Reizung und mechanische Belastung

Winkel, Spannung und mechanische Belastung

Biofilm und Krusten

Krusten bestehen bei Piercings häufig aus eingetrocknetem:

  • Wundsekret,
  • Blut,
  • Zellmaterial.

Sie können mechanisch problematisch werden, wenn sie Schmuck und Haut miteinander verkleben.

Das ist jedoch ein anderes Problem als Biofilm.

Der Verklebungskreislauf wird hier erklärt:

Sterile Kochsalzlösung NaCl 0,9 % bei Piercings

Wie wird Biofilm behandelt?

Biofilmmanagement besteht nicht nur darin, ein „starkes“ antimikrobielles Mittel aufzutragen.

In der professionellen Wundversorgung können mehrere Maßnahmen zusammenwirken:

  • mechanische Reinigung,
  • Entfernung beziehungsweise Reduktion von Belägen,
  • Wundspülung,
  • geeignete antimikrobielle Maßnahmen,
  • Kontrolle der Feuchtigkeit,
  • Beseitigung mechanischer Ursachen,
  • Behandlung einer zugrunde liegenden Infektion.

Bei Piercings müssen zusätzlich berücksichtigt werden:

  • Schmuck,
  • Schmuckoberfläche,
  • Schmucklänge,
  • Winkel,
  • Druck,
  • Bewegungsbelastung.

Mechanische Reinigung

Mechanische Reinigung kann helfen:

  • lose Ablagerungen,
  • Wundsekret,
  • Krusten,
  • einen Teil oberflächlich anhaftender Mikroorganismen

zu entfernen.

Für die normale mechanische Reinigung kann sterile NaCl-0,9-%-Lösung verwendet werden.

Siehe:

Piercing richtig reinigen

Sterile Kochsalzlösung NaCl 0,9 % bei Piercings

PHMB und Betain

Bestimmte Wundpflegeprodukte kombinieren:

PHMB / Polyhexanid

mit:

Betain.

PHMB besitzt eine antimikrobielle Wirkung.

Betain wirkt oberflächenaktiv und kann die Benetzung sowie Ablösung von Wundbelägen unterstützen.

Diese Kombination wird auch im Zusammenhang mit Biofilmmanagement eingesetzt.

Die ausführliche Wirkstoffkunde befindet sich hier:

PHMB und Betain bei Piercings

Prontolind und Prontosan

Prontolind und Prontosan sind Produkte mit PHMB-haltigen Formulierungen.

Sie sind jedoch nicht identisch und besitzen unterschiedliche:

  • Zweckbestimmungen,
  • Anwendungsbereiche,
  • Herstellerhinweise.

Mehr dazu:

Prontolind Spray bei Piercings

Prontosan Wundspüllösung

Prontolind oder Prontosan?

Kann man Biofilm einfach „auflösen“?

Die Formulierung:

„Biofilm einfach auflösen“

ist zu vereinfachend.

Biofilmmanagement kann eine Kombination erfordern aus:

  • mechanischer Entfernung,
  • Reinigung,
  • geeigneten antimikrobiellen Maßnahmen,
  • wiederholter Behandlung,
  • Beseitigung begünstigender Faktoren.

Ein einzelnes Produkt garantiert nicht automatisch die vollständige Entfernung eines Biofilms.

Antibiotika und Biofilm

Bei einer bakteriellen Infektion können Antibiotika erforderlich sein.

Biofilm kann die Behandlung jedoch komplizierter machen.

Mikroorganismen in einem Biofilm können gegenüber antimikrobiellen Einflüssen toleranter sein als frei vorliegende Mikroorganismen.

Das bedeutet nicht automatisch, dass ein Antibiotikum „nicht wirkt“.

Bei schweren oder nicht besser werdenden Infektionen können jedoch wichtig sein:

  • Abstrich,
  • mikrobiologische Kultur,
  • Antibiogramm,
  • Überprüfung des Erregerspektrums,
  • Behandlung eines Abszesses,
  • Beseitigung anderer Infektionsquellen.

Mehr dazu:

Abstrich, Kultur und Antibiogramm

Antibiotika – was tun, wenn keine Besserung eintritt?

Schmuck entfernen?

Bei einer bakteriellen Infektion oder vermutetem Biofilm sollte Schmuck nicht automatisch eigenständig entfernt werden.

Ebenso ist es falsch, grundsätzlich zu behaupten, Schmuck müsse immer im Gewebe verbleiben.

Die Entscheidung hängt von der konkreten Situation ab.

Mehr dazu:

Piercingschmuck bei einer bakteriellen Infektion entfernen oder belassen?

Biofilm und beschädigter Schmuck

Eine beschädigte Schmuckoberfläche kann problematisch sein.

Zum Beispiel:

  • Kratzer,
  • Riefen,
  • Werkzeugspuren,
  • beschädigte Beschichtungen.

Solche Oberflächen können:

  • Gewebe mechanisch reizen,
  • Ablagerungen zurückhalten,
  • die Reinigung erschweren.

Deshalb sollte bei chronisch problematischen Piercings auch die Schmuckoberfläche kontrolliert werden.

Siehe:

Beschädigter Piercingschmuck

Oberflächenqualität

Wann sollte an Biofilm gedacht werden?

Biofilm kann als möglicher Faktor berücksichtigt werden, wenn ein Piercing über längere Zeit trotz angemessener Versorgung:

  • chronisch nässt,
  • immer wieder entzündlich reagiert,
  • persistierende Beläge entwickelt,
  • wiederkehrende Infektionsprobleme zeigt,
  • schlecht auf bisherige Maßnahmen anspricht.

Das beweist jedoch keinen Biofilm.

Andere Ursachen müssen gleichzeitig geprüft werden.

Wann sollte medizinisch abgeklärt werden?

Eine medizinische Beurteilung ist insbesondere erforderlich bei:

  • zunehmenden starken Schmerzen,
  • deutlicher Überwärmung,
  • rasch zunehmender Schwellung,
  • Eiter,
  • Abszessverdacht,
  • Fieber,
  • Schüttelfrost,
  • ausgeprägtem Krankheitsgefühl,
  • stark entzündetem Knorpelpiercing.

Ein vermuteter Biofilm darf eine notwendige Behandlung einer akuten Infektion nicht verzögern.

Schnellübersicht

Aussage Einordnung
Kruste = Biofilm nein
Wundsekret = Biofilm nein
Geruch = sicherer Biofilm nein
Feuchtigkeit = automatisch Biofilm nein
Schmuck kann eine Anhaftungsoberfläche bieten ja
raue Oberflächen können problematisch sein ja
Biofilm = automatisch akute Infektion nein
chronische Wunde kann Biofilm enthalten möglich
ein einzelnes Spray beseitigt Biofilm sicher vollständig nein
mechanische Reinigung kann Teil des Biofilmmanagements sein ja
mechanische Ursachen müssen ebenfalls geprüft werden ja

Der wichtigste Grundsatz

Biofilm ist ein reales mikrobiologisches Phänomen.

Bei Piercings sollte der Begriff jedoch nicht für jede:

  • Kruste,
  • Ablagerung,
  • Sekretbildung,
  • Reizung,
  • Geruchsbildung

verwendet werden.

Entscheidend ist:

Nicht sichtbare Beläge vorschnell als Biofilm diagnostizieren, sondern immer die gesamte Piercingsituation beurteilen.

Dazu gehören:

  • Gewebezustand,
  • Infektionszeichen,
  • mechanische Belastung,
  • Schmuckqualität,
  • Schmuckposition,
  • Feuchtigkeit,
  • bisherige Pflege.

Weiterführende Seiten

mikrobiologie/biofilm.1791307374.txt.gz · Zuletzt geändert: von administrator

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