Der Begriff:
„Wildfleisch“
wird in der Piercingpraxis sehr häufig verwendet.
Medizinisch ist „Wildfleisch“ jedoch:
keine eindeutige Diagnose.
Der Begriff beschreibt lediglich, dass sich am oder neben einem Piercing:
sichtbar vermehrtes beziehungsweise hervorstehendes Gewebe
gebildet hat.
Hinter diesem Erscheinungsbild können unterschiedliche Veränderungen stecken.
Mit „Wildfleisch“ werden in der Praxis häufig sehr unterschiedliche Befunde bezeichnet.
Dazu gehören beispielsweise:
Diese Veränderungen unterscheiden sich deutlich hinsichtlich:
Deshalb sollte nicht jede Beule am Piercing pauschal als:
„Wildfleisch“
bezeichnet werden.
Im Piercingalltag wird mit „Wildfleisch“ häufig:
überschießendes Granulationsgewebe beziehungsweise Hypergranulation
gemeint.
Typisch ist dabei weiches, feuchtes Gewebe, das:
sein kann.
Es kann bei Berührung schnell:
bluten.
Hypergranulation bedeutet, dass sich:
Granulationsgewebe über das normale Hautniveau hinaus
entwickelt.
Granulationsgewebe gehört grundsätzlich zur normalen Wundheilung.
Es enthält unter anderem:
Bei Hypergranulation wächst dieses Gewebe jedoch:
überschießend über die Wundoberfläche hinaus.
Siehe:
Typisch kann sein:
Das Gewebe wirkt häufig:
fleischig
und erklärt damit den umgangssprachlichen Begriff „Wildfleisch“.
Hypergranulation kann durch verschiedene Faktoren begünstigt werden.
Dazu gehören unter anderem:
Häufig wirken mehrere Faktoren gleichzeitig.
Bei Piercings spielt die mechanische Situation häufig eine entscheidende Rolle.
Ein Piercing kann dauerhaft gereizt werden durch:
Solange eine solche Ursache bestehen bleibt, kann auch eine lokale Behandlung nur begrenzt erfolgreich sein.
Siehe:
Ein häufiger sprachlicher Fehler ist:
„Wildfleisch = Granulom.“
Das ist medizinisch nicht korrekt.
Ein:
Granulom
ist eine spezielle chronisch-entzündliche Gewebereaktion mit charakteristischem Zellaufbau.
Eine Hypergranulation ist dagegen:
überschießendes Granulationsgewebe.
Beides sind unterschiedliche Vorgänge.
Ein echtes Granulom entsteht durch eine chronische Immunreaktion.
Dabei sammeln sich bestimmte Immunzellen an, insbesondere:
Makrophagen beziehungsweise epitheloide Histiozyten.
Granulome können unter anderem auftreten bei:
Ein echtes Granulom kann nicht zuverlässig allein anhand seines äußeren Erscheinungsbildes diagnostiziert werden.
Siehe:
Das:
pyogene Granulom
ist trotz seines Namens weder ein klassisches Granulom noch notwendigerweise eitrig.
Es handelt sich um eine:
stark gefäßreiche, gutartige Gewebeneubildung.
Typisch können sein:
Der medizinisch präzisere Begriff lautet:
lobuläres kapilläres Hämangiom.
Ein pyogenes Granulom kann einer Hypergranulation äußerlich ähneln.
Bei einem:
Befund sollte deshalb eine medizinische beziehungsweise dermatologische Beurteilung erfolgen.
Beide Veränderungen können:
aussehen.
Ein pyogenes Granulom zeigt jedoch häufig ein:
deutlicher knotiges beziehungsweise polypöses Wachstum
und kann relativ schnell größer werden.
Eine sichere Unterscheidung ist allein anhand eines Fotos oder der äußeren Erscheinung nicht immer möglich.
Der Begriff:
Irritationsbeule
wird vor allem in der Piercingpraxis verwendet.
Er beschreibt eine lokale Gewebeveränderung, die häufig im Zusammenhang mit:
steht.
Es handelt sich nicht um eine exakt definierte histopathologische Diagnose.
Siehe:
Eine Irritationsbeule kann unterschiedliche Gewebeanteile enthalten.
Sie kann beispielsweise:
sein.
Deshalb kann eine Irritationsbeule teilweise wie eine Hypergranulation aussehen.
Die Begriffe sollten trotzdem nicht gleichgesetzt werden.
Eine hypertrophe Narbe besteht aus überschießendem:
Narbengewebe.
Typisch sind:
Sie unterscheidet sich damit deutlich von weicher, feuchter Hypergranulation.
Siehe:
Ein Keloid ist eine überschießende Narbenbildung, die:
über die ursprünglichen Wundgrenzen hinauswächst.
Typisch können sein:
Ein Keloid ist nicht dasselbe wie:
Siehe:
| Befund | Typische Eigenschaften |
|---|---|
| Hypergranulation | weich, feucht, rot, leicht blutend |
| Pyogenes Granulom | stark gefäßreich, häufig rasches Wachstum, sehr leicht blutend |
| Irritationsbeule | lokale irritationsbedingte Gewebeveränderung, variables Erscheinungsbild |
| echtes Granulom | spezielle chronisch-entzündliche Zellreaktion |
| hypertrophe Narbe | festes Narbengewebe, bleibt innerhalb des ursprünglichen Verletzungsbereichs |
| Keloid | festes Narbengewebe, wächst über die ursprünglichen Wundgrenzen hinaus |
Die Behandlung hängt entscheidend davon ab:
welche Gewebeveränderung tatsächlich vorliegt.
Eine Maßnahme, die bei Hypergranulation sinnvoll sein kann, ist bei:
nicht automatisch geeignet.
Bevor eine gezielte lokale Behandlung erfolgt, sollte geprüft werden:
Die sichtbare Gewebeveränderung kann:
Folge eines weiterhin bestehenden Problems
sein.
Zu langer Schmuck kann:
Zu kurzer Schmuck kann:
verursachen.
Beides kann chronische Reizung fördern.
Ein ungünstiger Piercingwinkel kann dauerhaft:
Spannung auf den Stichkanal
ausüben.
Dadurch kann eine Gewebeveränderung selbst dann bestehen bleiben, wenn die äußere Pflege korrekt durchgeführt wird.
Siehe:
Dauerhaft feuchtes Gewebe kann die Entstehung beziehungsweise Aufrechterhaltung einer Hypergranulation begünstigen.
Mögliche Ursachen sind:
Das bedeutet jedoch nicht, dass jedes feuchte Piercing automatisch eine Hypergranulation entwickelt.
Sehr häufige Reinigung oder der gleichzeitige Einsatz verschiedener Produkte kann:
Siehe:
Eine rote Gewebeveränderung ist nicht automatisch ausschließlich mechanisch bedingt.
Bei:
muss eine Infektion berücksichtigt werden.
Siehe:
Ein Abszess kann als:
erscheinen.
Er ist jedoch eine:
lokalisierte Eiteransammlung im Gewebe
und etwas völlig anderes als Hypergranulation.
Siehe:
Bei einem tiefer liegenden beziehungsweise chronischen Entzündungsprozess kann sich eine zusätzliche kleine Öffnung entwickeln, aus der Sekret austritt.
Dabei kann es sich um einen:
Drainagegang
handeln.
Ein Drainagegang ist keine Hypergranulation.
Siehe:
Auch eine:
Fistel
ist keine Gewebewucherung im engeren Sinn.
Sie bezeichnet eine pathologische Gangverbindung.
Siehe:
Silbernitrat wird medizinisch zur:
chemischen Kauterisation
bestimmter Gewebe eingesetzt.
Bei überschießendem Granulationsgewebe kann es gezielt verwendet werden, um oberflächliches Gewebe:
chemisch zu koagulieren beziehungsweise zu kauterisieren.
Das bedeutet jedoch nicht:
Silbernitrat ist ein allgemeines Piercingpflegeprodukt.
Siehe:
Silbernitrat kann bei:
überschießendem Granulationsgewebe
eine mögliche gezielte Behandlungsoption darstellen.
Vor einer Anwendung sollte jedoch geklärt werden:
Silbernitrat kann überschießendes Gewebe reduzieren.
Es beseitigt jedoch nicht automatisch:
Bleibt der auslösende Faktor bestehen, kann auch die Gewebeveränderung:
erneut auftreten.
Eine Beule am Piercing sollte nicht allein deshalb mit Silbernitrat behandelt werden, weil sie umgangssprachlich als:
„Wildfleisch“
bezeichnet wird.
Bei:
kann eine andere Vorgehensweise erforderlich sein.
Silbernitrat führt bei direktem Gewebekontakt zu einer:
chemischen Koagulation beziehungsweise Kauterisation oberflächlicher Gewebeschichten.
Dadurch kann überschießendes Granulationsgewebe reduziert werden.
Die Wirkung ist jedoch nicht ausschließlich auf krankhaft verändertes Gewebe beschränkt.
Silbernitrat wirkt nicht selektiv nur auf Hypergranulation.
Bei Kontakt kann auch gesundes umliegendes Gewebe:
werden.
Die Anwendung muss deshalb:
gezielt und kontrolliert
erfolgen.
Silbernitrat kann auf:
dunkle bis schwarze Verfärbungen hervorrufen.
Eine lokale dunkle Verfärbung nach Silbernitratkontakt ist deshalb nicht automatisch ein Zeichen für:
Silbernitrat darf nicht als Ersatz für die Behandlung einer:
bakteriellen Infektion
verstanden werden.
Wenn gleichzeitig bestehen:
muss die Infektionssituation gesondert beurteilt werden.
Bei bestimmten Formen überschießenden Granulationsgewebes werden in der medizinischen Wundbehandlung auch:
topische Kortikosteroide
eingesetzt.
Dazu kann beispielsweise Hydrocortison gehören.
Eine Anwendung sollte jedoch nicht erfolgen, wenn eine unbehandelte Infektion vermutet wird.
Siehe:
Die Wirkprinzipien unterscheiden sich grundsätzlich.
Silbernitrat
→ chemische Kauterisation beziehungsweise Koagulation oberflächlichen Gewebes.
Hydrocortison
→ entzündungshemmende Wirkung eines Kortikosteroids.
Welche Maßnahme geeignet ist, hängt vom:
konkreten Befund
ab.
Ein pyogenes Granulom kann:
Es sollte nicht automatisch als einfache Hypergranulation eingeordnet werden.
Bei einem unklaren oder schnell wachsenden Befund ist eine:
medizinische beziehungsweise dermatologische Beurteilung
sinnvoll.
Eine Gewebeveränderung, die:
sollte nicht allein aufgrund der Bezeichnung:
„Wildfleisch“
behandelt werden.
Ein solcher Befund sollte fachlich beziehungsweise medizinisch beurteilt werden.
Bei einer als „Wildfleisch“ bezeichneten Veränderung sollte systematisch vorgegangen werden.
1. Befund einordnen
Mögliche Veränderungen sind beispielsweise:
2. Mechanische Faktoren prüfen
3. Pflege und Feuchtigkeit prüfen
4. Infektionszeichen berücksichtigen
5. Anschließend gezielte Behandlung auswählen.
Eine Gewebeveränderung am Piercing sollte nicht eigenständig:
werden.
Dadurch können entstehen:
Auch wiederholtes Drücken oder vermeintliches:
„Entleeren“
ist bei Hypergranulation nicht sinnvoll.
Hypergranulation ist kein:
Flüssigkeitssack, der ausgedrückt werden muss.
Eine wiederholte oder langfristige Anwendung stark reizender Mittel kann das Gewebe zusätzlich belasten.
Dazu gehören beispielsweise:
Siehe:
| Aussage | Einordnung |
|---|---|
| „Wildfleisch“ ist eine genaue medizinische Diagnose | nein |
| häufig ist damit Hypergranulation gemeint | ja |
| jede Beule am Piercing ist Hypergranulation | nein |
| Granulom und Hypergranulation sind dasselbe | nein |
| pyogenes Granulom ist ein klassisches Granulom | nein |
| Keloid und Hypergranulation sind dasselbe | nein |
| mechanische Reizung kann Hypergranulation begünstigen | ja |
| dauerhafte Feuchtigkeit kann Hypergranulation begünstigen | ja |
| Silbernitrat kann bei überschießendem Granulationsgewebe gezielt eingesetzt werden | ja |
| Silbernitrat ist allgemeine Piercingpflege | nein |
| Silbernitrat beseitigt mechanische Ursachen | nein |
| Infektionszeichen müssen bei der Beurteilung berücksichtigt werden | ja |
In professionellen Unterlagen sollte möglichst nicht ausschließlich der Begriff:
„Wildfleisch“
verwendet werden.
Eine fachlich bessere Formulierung ist beispielsweise:
„Umgangssprachlich wird die Veränderung häufig als Wildfleisch bezeichnet. Dahinter können je nach Befund beispielsweise Hypergranulation, eine Irritationsbeule oder ein pyogenes Granulom stehen.“
Dadurch bleibt die Erklärung für Kunden verständlich, ohne medizinisch unterschiedliche Befunde gleichzusetzen.
„Wildfleisch“ ist:
ein umgangssprachlicher Sammelbegriff und keine eindeutige medizinische Diagnose.
Am Piercing können dahinter unterschiedliche Gewebeveränderungen stehen.
Besonders häufig wird damit:
Hypergranulation beziehungsweise überschießendes Granulationsgewebe
bezeichnet.
Daneben kommen unter anderem infrage:
Deshalb gilt:
Erst den Befund und die mögliche Ursache beurteilen – anschließend gezielt behandeln.
Silbernitrat kann bei geeigneter Indikation zur gezielten Behandlung überschießenden Granulationsgewebes eingesetzt werden.
Es sollte jedoch:
nicht pauschal auf jede als „Wildfleisch“ bezeichnete Veränderung angewendet werden.